Heute betreten wir auf der Suche nach den Grundfragen von Schönheit und Ästhetik ein ganz neues Feld: Das Schachfeld. BeautyZoom sprach mit dem Schachgroßmeister, Autor und Speaker Stefan Kindermann darüber, warum das Schachspielen in höchstem Maße ästhetisch ist oder weshalb manche Schachkombinationen als „Ausdruck reinster Schönheit“ gelten können.

 

Der Schachweltmeister als Model

Vorab aber eine interessante Beobachtung: Ist Ihnen an den letzten Kampagnen des Modelabels „G-Star“ etwas aufgefallen? Neben Liv Taylor war hier ein junger Mann von Anfang Zwanzig zu sehen, der so gar nicht in den gelernten Schönheitskatalog internationaler Models passte. Dieser junge Mann ist Magnus Carlsen, norwegischer Schachgroßmeister und seit letztem Jahr Schachweltmeister. Interessant – warum aber um alles in der Welt bittet ein Mode-Label den amtierenden Schachweltmeister vor die Kameras, um das Gesicht einer neuen Kampagne zu werden?

 

Mit dem Schachgroßmeister Stefan Kindermann sprachen wir also darüber, worin er die Verbindung von Schach und Schönheit bzw. die Ästhetik des Schachspiels sieht.

 

Möglichkeiten einer Leidenschaft

Nur wenig verraten Brett und Figuren von den Abenteuern, die den Spieler erwarten. Doch kaum sind die ersten Züge getan, erwacht  die hölzerne Armee zu magischem Leben.

„Der Spieler schlüpft mit Leidenschaft und Hingebung in seine Schachfiguren und betritt einen Dschungel voll knisternder Kraftlinien, die den Wirkungskräften der Figuren und ihren vielfältigen Beziehungen entsprechen“, so Stefan Kindermann, der uns am Ende des Gespräches hierzu auch konkrete Beispiele zeigte. Für ihn ist klar: Jeder Spieler fühlt die in der Position schlummernden Möglichkeiten und entwirft seine Pläne, wobei er immer wieder der Intuition vertrauen und den Sprung ins Ungewisse wagen muss. Denn unfassbar tief ist das Schachspiel für den puren Verstand. Rein rechnerisch existieren im Schach mehr mögliche Positionen, als es Elementarteilchen im Universum gibt. Ein weites Feld also für einen leidenschaftlichen Kampf zwischen Gefahr, Kraft und Kalkül.

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Die Schönheit des Dialogs

Mit den Figuren als Alphabet, den Regeln als Grammatik und den typischen Motiven als Wortschatz ranken sich unzählige Legenden in einer geheimnisvollen Sprache um das Schicksal der beiden Könige. So erlebt der Spieler „ein immer neues Drama, in dem er selbst Hauptakteur ist. Dabei kann der Charakter seiner Geschichte unterschiedlichste Formen annehmen“, wie Stefan Kindermann berichtet.

Die Dialoge dieses Dramas können sich nämlich langsam anbahnen und entwickeln wie in einem Roman von Dostojewski. Oder sie sind kurz mit knochentrockener Pointe am Ende wie eine Kurzgeschichte von Hemingway. Andere wiederum steigern sich in immer unerträglichere Spannung wie ein Thriller von Mankell.

Kein Wunder, dass hier beim Schachspieler starke Emotionen wirken: „Manchmal rinnt der Schweiß und der Puls rast“, so Stefan Kindermann. Wer allerdings einmal vom berauschenden Gefühl eines Sieges nach schwerem Kampf gekostet hat, wird es immer wieder durchleben wollen und dafür auch den Schmerz der Niederlage ertragen.

 

Der Gegner als ästhetischer Partner

Einzigartig ist in jeder Schachpartie die Beziehung zum Gegner, dessen Zügen der Spieler stets Respekt zollt. So können wir eine Schachpartie auch als dialogisches Kunstwerk betrachten, einen geistigen Disput. Weiß stellt eine These auf, Schwarz die Antithese. Das Spiel ist dann als Synthese beider Bemühungen nichts anderes, als das gemeinsame Werk zweier Künstler. Und egal, wie grimmig man sich vorher am Brett bekämpft hat: Mit Niemandem möchte ein Spieler nach der Partie lieber zusammensitzen und die gemeinsam erlebten Geheimnisse ergründen, als eben seinem Gegenspieler, denn kein anderer hat sich so mit dieser Partie identifiziert wie er. Keiner wurde so sehr zum Partner einer eigenen Sprache und Ästhetik im Geiste.

„Manchmal ergibt sich mit einem Gegner folgende Situation: Ich entdecke einen Zug, der einfach so ästhetisch ist, dass ich ihn machen muss – auch wenn er nicht unbedingt effizient ist“ beschreibt Stefan Kindermann. Und so wird der Gegner zum Partner einer eigenen Ästhetik in der jeweiligen Schachpartie. Einer Ästhetik, die „wie ein Traum oder eine Vision“ zart beginnt und dann vom Ziel her gedacht eine zwingende Logik und Dynamik entwickelt.

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Schönheit, Humor und Magie

Abseits von sportlichem Erfolg liegt also im Schachspiel als Kunstform eine eigentümliche und schwer zu beschreibende Schönheit. „Eine Ästhetik wie von klassischer Musik, die aber in kristalliner Form vor unseren Augen statt den Ohren erscheint“, wie Stefan Kindermann anhand einer Schach-Komposition auf einer Wandtafel beschreibt. Und tatsächlich – je tiefer wir im Gespräch in die Möglichkeiten der Komposition eintauchen, desto mehr wird klar, dass sich aus den Verbindungen der Möglichkeitslinien ein Muster bildet, das durchaus kunstvoll und schön ist. Vor allem, weil es sich bei der Komposition um eine ursprünglich ausweglose Situation handelte, die am Ende zum Triumph verwandelt wird.

Und so mag es sich anfühlen, wie ein kleines Erleuchtungserlebnis, wenn sich aus dem Nebel und Chaos einer schwierigen Position plötzlich glasklar diese eine wunderbare Idee herausschält, die zum Sieg führt. Einem Sieg, bei dem der Geist die Materie “bezwingt”. Es ist dann wie nach einer anstrengenden Bergtour mit scheinbar undurchdringlichem Nebel, wenn als Belohnung am Ende der Gipfel mit dem Blick in ein atemberaubend schönes Tal lockt. Oft hat aber Schönheit im Schach auch ganz viel mit Humor zu tun, es gibt überraschende, schalkhafte Einfälle und grotesk komische Konstellationen, über die der Schachspieler lacht wie über einen gelungenen Witz.

Es ist eine eigene Welt, die wir in jedem Moment betreten können. Das Tor besteht aus Brett und Figuren, dann noch ein Gegenspieler für diese besondere Form des ästhetischen Dialogs und die Magie beginnt.

Übrigens: Stefan Kindermann stellt sein Wissen auch als Speaker und Management-Trainer zur Verfügung. Mehr dazu unter www.koenigsplan.com sowie unter www.mucschach.de

 

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